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Auf Adlers Fittichen
Dieser Zustand, in dem ich mich gerade befinde, ist schwer zu beschreiben. Einerseits emporgehoben, über allen Dingen stehend, und dennoch schwer und bedrückt. Ich weiß nicht, was überwiegt. Ständig wechselt die Perspektive. Dann sitze ich wie ein Frosch in meinem Sumpf oder überfliege pfeilschnell wie ein Adler das Himmelsgewölbe. Was mich in diese prekäre Situation gebracht hat, kann doch nicht nur daran liegen, dass ich in der letzten Zeit viel Stress hatte. Oder doch? Stress habe ich eigentlich immer. Oder war der Auslöser nur die Frage, die mich in der letzten Zeit immer wieder beschäftigt hat, was der Sinn meines Lebens ist, den ich irgendwie aus den Augen verloren habe.
Hatte mein Leben überhaupt jemals einen Sinn gehabt? Oder habe ich nur darüber hinweg gelebt. Es mag sein, dass ich in einer Midlifekrise stecke. Jedenfalls angenehm ist dieser Zustand nicht. Ich kippe immer wieder von der einen zur anderen Seite und wenn ich am Fliegen bin, glaube ich alle Probleme gelöst zu haben, bis dann der Frosch mahnend quakt.
Eigentlich brauche ich mich nicht zu beklagen. Zumindest stimmt nach außen hin alles, was Freunde, Familie und Beruf betrifft. Da ist es ja fast eine Sünde, wenn ich den Sinn meines Lebens nicht sehe. Und doch fehlt mir etwas. Ja, es fehlt mir sogar sehr viel. Wenn ich es nur benennen könnte.
Gestern hatte ich einen denkwürdigen Tag. Als ich morgens erwachte, war ich richtig beseelt und glücklich. Vor lauter Übermut habe ich mir Geld von der Bank geholt und bin einkaufen gegangen. Dinge, die ich mir normal nie leisten würde. Danach war ich dann noch in einem Restaurant und ließ es mir gut gehen. Abends fiel ich schließlich in einen erschöpften, traumlosen Schlaf. Und heute Morgen wurde mir das Ausmaß meiner Aktion bewusst. Für den Rest des Monats ist kaum noch Geld übrig und ich sackte wieder innerlich zusammen.
Ach was soll`s. Ich kenne genug, die mir da aushelfen können. War halt ein Ausrutscher. Diese Überflieger, so schön sie im Moment sind, aber das böse Erwachen und Absinken sind dafür um so schlimmer.
Heute Morgen habe ich mich einer Freundin deswegen anvertraut. Sie fand diesen Zustand sehr bedenklich und meinte, ich solle mal zu einem Neurologen oder Psychologen gehen. Was können die mir denn schon sagen. Nein, ich werde schon alleine damit fertig. Ich bin doch nicht krank. Oder doch?
Irgendwie ist alles anders. Die Sonne strahlt mehr als sonst. Die Vögel singen lieblicher und der Kaffee schmeckt heute besonders gut. Ich verspüre gar keinen Hunger mehr und bin so richtig zufrieden und froh. Diesmal falle ich nicht mehr in dieses Loch. Ich werde das Glück nicht mehr loslassen. Ich habe es ganz auf meiner Seite.
Eben klingelte das Telefon, aber ich hatte nicht das Bedürfnis abzuheben. Will ganz alleine sein und nur genießen. Ich weiß, jetzt habe ich es gepackt. Alles wird gut. Alles ist gut. Und nichts und niemand kann mich mehr aufhalten. Ich habe mich entschlossen, meine Arbeit zu kündigen. Bin eh schon seit zwei Tagen nicht mehr da gewesen, obwohl ich normal zuverlässig bin. Nein die Arbeit passt nicht mehr in mein Leben. Ich will frei sein, ungebunden.
Ich finde, dass ich schöner geworden bin. Da sollte man sich doch mal sehen lassen unter den Menschen. Heute Abend gehe ich aus, ganz alleine. Ich hab ja jetzt alle Zeit der Welt und werde sie mir von niemandem mehr stehlen lassen.
Rolf hat mir zwar bestätigt, dass ich irgendwie besser aussehe als sonst, aber gleichzeitig sagte er, dass ich mich verändert habe, was mit mir los sei. Ich fühlte mich angegriffen und machte eine schnippische Bemerkung. Dann ließ ich ihn einfach am Tresen stehen und setzte mich an einen Tisch. Er schüttelte nur den Kopf.
Als die Kneipe schloss, begab ich mich noch in den Jazzkeller. Der hat bis morgens auf. Die Leute dort klotzten mich nur an, dabei saß ich nur da. Schließlich kam ein junger Mann zu mir und fragte, ob er bei mir Platz nehmen könnte. Ich war froh, nicht mehr alleine da sitzen zu müssen und bot ihm einen Stuhl an. Leider entwickelte sich das Gespräch äußerst schwierig. Ich verstand ihn einfach nicht und wurde langsam immer entnervter und aggressiv. Überhaupt verstehe ich niemanden mehr. Zu guter Letzt artete das Ganze in einem Streit aus und ich verließ, ohne zu bezahlen, den Keller.
Was wollen die nur alle von mir? Muss ich mich bei jedem rechtfertigen?
Alleine ist es doch noch am Schönsten. Ich gehe nur noch raus, wenn ich unbedingt muss. Gekocht habe ich mir seit einer Woche nicht mehr und esse nur Müsli und Brot. Außerdem scheine ich auch keinen Schlaf mehr zu brauchen, denn ich habe seit vier Nächten nicht mehr geschlafen. Ans Telefon gehe ich erst gar nicht. Die Gespräche kann ich mir sparen. Es versteht mich ja doch niemand und umgekehrt. Ein paar Mal schon hat es an meiner Tür geklingelt, aber ich habe einfach nicht geöffnet.
Heute aber musste ich öffnen, weil die Polizei vor der Tür stand. Sie wollten mal nachsehen, ob alles mit mir in Ordnung sei. Gott sei Dank sind sie dann wieder abgezogen. Mit der Polizei will ich nichts zu tun haben. Wer hat die nur bestellt?
Wo ist mein Glück nur geblieben? Der Adler? Ich fühle mich einsam und will gleichzeitig niemanden sehen. So kann ich nicht weiter leben. Ich gehe inzwischen gar nicht mehr aus dem Haus.
Das heiße Bad tut gut. Obwohl ich kein Blut sehen kann, beobachte ich genau, wie es aus mir herausgepumpt wird. Das Wasser wird langsam rot. Eine angenehme Müdigkeit und Ruhe nehmen von meinem Körper Besitz. Seid mir nicht böse, ihr mit denen ich mein Leben geteilt habe.
© Magdalena Bott

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