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Geheimbund Rose

Als ich die Rose in der Hand hielt und ihren wundervollen Duft einatmete, wie ihn nur die Gartenrosen verströmen, wurden in mir Erinnerungen wach, die ich völlig aus meinem Leben verbannt hatte.

An diesem Nachmittag, es war sehr heiß, hatte ich auf dem Balkon im Liegestuhl gelegen und gedankenverloren vor mich hingedöst. Bis Siggi mir diese dunkelrote, noch nicht ganz geöffnete Blume überreicht hatte. Die Sonne, der Duft, überhaupt die ganze Atmosphäre war wie geschaffen, mich nochmals an das zu erinnern, was ich jahrzehntelang nicht mehr hatte erinnern wollen.

"Du schaust so ernst. Freust du dich denn nicht? Oder magst du keine Rosen? Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nichts aus der Königin der Blumen machen."
"Du glaubst nicht, was es mir bedeutet, jetzt diese wundervolle Rose in der Hand zu halten. Sie löst in mir Gefühle aus, die ich jetzt wieder neu erlebe. Aber warte, ich werde uns erst einen Kaffee kochen, dann erzähle ich dir in Ruhe."
Siggi ließ sich im Liegestuhl gegenüber nieder und ich erhob mich und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.

Ich hatte noch nie jemandem vom Geheimbund "Rose" erzählt und außer den damals Beteiligten und Betroffenen wußte auch niemand etwas von diesem Bund und was es damit auf sich hatte.
Siggi nahm sich Milch und goß den Kaffee in seine Tasse. Ich drehte uns zwei Zigaretten und nachdem wir uns rauchend zurückgelehnt hatten, begann ich zu erzählen:
Im Sommer, nach unserem zwölften Geburtstag, saßen wir bei Susannes Eltern im Garten. Es war wohl so heiß wie heute und ich atmete den betörenden Duft der Gartenrosen ein, die Susi`s Vater in üppiger Fülle angepflanzt hatte und mit viel Liebe und Arbeit pflegte.

"Na, wollt ihr nur hier herumsitzen? Bei dem Wetter könntet ihr doch schwimmen gehen." sagte er lachend. "Wir gehen ja schon. Komm mit." Ich erhob mich schwerfällig aus dem Gartenstuhl und folgte meiner Freundin zum Baumhaus. Die Eltern hatten einen riesigen Ahornbaum im Garten stehen, auf dem wir uns aus Holzpaletten eine Plattform errichtet hatten, die von einem kleinen Zelt überdacht war.

Auf dem Weg zum Baumhaus kam mir plötzlich die Idee, wie wir unsere Treffen in Zukunft spannender gestalten konnten. Ich unterbreitete ihr meine Gedanken an einen Geheimbund, eine Art Detektei, die kriminelle Fälle aufdecken sollte.
"Und wie nennen wir uns?"
"Geheimbund Rose"; schoß es aus mir heraus. "Unser Zeichen wird die Rose sein. Rose steht für Wahrheit. Und die Dornen schützen sie vor dem Feind."
"O ja, das gefällt mir."
Da ich die Idee gehabt hatte, war klar, wer die Chefin sein würde. Wir besiegelten den Bund, indem wir uns eine Schnittwunde an einen Finger beibrachten und die blutenden Finger aneinander hielten.
"So, jetzt sind wir Blutsschwestern. Laß uns auf Beobachtungsposten gehen und nach Verdächtigen Ausschau halten."

Wir stiegen vom Baum und schlenderten in die Stadt um nach dubiosen Gestalten zu suchen, die wir dann beschatten konnten. Es entwickelte sich ein regelrechter Sport daraus, anderen, für uns Verdächtige, nachzustellen und sie teilweise durch die ganze Stadt zu verfolgen.

Irgendwann wurden wir diesen Zeitvertreib leid und überlegten uns, wie wir an einen richtigen "Fall" herankommen könnten. Als Chefin führte ich ein sogenanntes Fallbuch, in dem ich akriebig alles notierte, was uns Verdächtiges aufgefallen war. In dieser Zeit reifte bei mir jedenfalls der Wunsch, später zur Kripo zu gehen. Wir trieben uns auf Polizeidienststellen herum, um die Aushänge der gesuchten Personen zu studieren, begegneten aber nie einem dieser Menschen. Wir träumten schon von den Belohnungen, die auf diese Gesuchten ausgesetzt waren.

Wenn wir irgendwelche alten Kleidungsstücke im Wald fanden, suchten wir nach der Leiche, die dort irgendwo liegen mußte. Aber außer ein paar Katzenknochen, fanden wir nie etwas Bemerkenswertes.

Bis eines Tages Susanne aufgeregt bei mir anrief und erzählte, ihre Schwester sei von einem Verdächtigen angesprochen worden. Er wohne mit seiner gelähmten Frau in einem der Hochhäuser, außerhalb der Stadt und habe sie zu sich eingeladen. Die Freunde ihrer Schwester hätten sie gewarnt und gesagt, daß er ein komischer Typ sei, der gerne Kinder anspräche und sie dann in seinen Keller locken wollte. Aber man wüßte nicht, was dort passieren würde.

Sofort läuteten bei mir alle Alarmglocken. "Das ist unser Mann. Wo finden wir den?"
"Er treibt sich gerne auf dem Kinderspielplatz am Röderberg rum."
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und ich hatte die glorreiche Idee, mich als Inderin zu tarnen.
Am folgenden Mittag machten wir uns auf den Weg zu dem besagten Kinderspielplatz. Ich trug ein blumiges Kleid und hatte mit einem schwarzen Filzstift einen nicht zu übersehenden schwarzen Punkt über meine Nasenwurzel gemalt.

Wir hatten eine genaue Beschreibung von diesem Mann und sahen ihn tatsächlich alleine auf einer der Bänke sitzen, die um den Sandkasten postiert waren. Wir ließen uns in einiger Entfernung auf einem Baumstamm nieder und nahmen ihn ins Visier.
"Der sieht wirklich verdächtig aus mit seiner Glatze," bemerkte Susanne. Ich antwortete auf erfundenem Hindi. "Du kannst ruhig Deutsch mit mir sprechen. Es hört uns niemand."

Ich weiß nicht, wie lange wir so dagesessen hatten. Nach Ewigkeiten, so kam es mir jedenfalls vor, stand der Mann auf und rief ein Mädchen zu sich. Wir saßen voller Spannung. Er redete nur kurz mit ihr, dann verließ er den Spielplatz.
"Los. Hinterher."
In einem der Wohnblöcke verloren wir seine Spur. "Haus Nummer 9. Merk dir das."
Wir machten uns auf den Heimweg.

Am nächsten Tag sollte ich in ein Zeltlager an die Mosel fahren. Susi und ich hatten ausgemacht, dass wir uns regelmäßig Postkarten schreiben würden, weil sie dem Fall, wie sie sagte, alleine nachgehen wollte.
Um ehrlich zu sein, schrieb ich ihr erst nach vier Tagen, nachdem von ihr die erste Karte eingetroffen war. Es gab damals keine Möglichkeit anzurufen.
Auf ihrer Karte hieß es nur, daß sie eine heiße Spur hätte und den Namen des Glatzkopfes wüßte, wie wir ihn nur genannt hatten.
Ich fragte mich, woher sie den Namen wußte. Die Antwort kam drei Tage später. Anscheinend hatte sie selbst Kontakt zu ihm aufgenommen und ihn wohl ausgefragt. Aber Genaueres konnte ich nicht herauslesen.

Jetzt war mir doch etwas mulmig zumute, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es wahrscheinlich doch kein richtiger Fall sei. Ich schrieb ihr noch mal zurück und warnte sie, dass sie nicht unvorsichtig sein sollte.

Ich verbrachte noch zwei weitere Wochen in dem Lager und bekam keine einzige Postkarte mehr von Susanne. Zwei schickte ich ihr noch zu. Dann hatte ich Gelegenheit, mit meiner Mutter zu telefonieren. Irgendwie hatte ich Angst, bei Susanne anzurufen. Und als ich mit meiner Mutter telefonierte, wußte ich auch warum. Sie sagte mir, dass Susi was Schlimmes passiert sei. Aber sie wollte es mir nicht am Telefon erzählen. Morgen würde ich ja heim kommen, dann würde sie in Ruhe mit mir darüber reden. Ich solle jetzt ins Bett gehen. Ich befolgte ihren Rat, schlief aber sehr schlecht in dieser Nacht.

Als ich dann am nächsten Tag Mama`s Gesicht sah, als sie mich am Bahnhof abholte, wußte ich, daß Susanne tot war. Meine Mutter erzählte mir, dass sie einen tragischen Unfall gehabt hatte. Der Hausmeister von Wohnblock 9 auf dem Röderberg, habe sie tot im Keller gefunden. Sie war von einem der Heizungsrohre herunter gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Ich nehme an, dass sie dort auf Wachposten gelegen hatte. Der Hausmeister war der Glatzkopf mit Namen Schnur, wie ich von Susanne wußte.>

Ich drehte mir eine neue Zigarette und machte einen tiefen Zug.
"Und der Fall? War der damit abgeschlossen? Oder gab es noch irgendwelche Untersuchungen?"
"Damit war der Fall abgeschlossen," sagte ich matt.

"Auf der Beerdigung streute ich ihr Rosenblätter ins Grab. Rosenblätter klebten wir immer auf unsere Post und Rosenblätter streuten wir an fremde Orte, die wir besucht hatten. Wir hatten immer Rosenblätter in den Taschen. Andere kritzeln irgendwelche Zeichen in Bäume und auf Bänke. Wir streuten nur Rosenblätter."

Wir schwiegen. Nur die Vögel zwitscherten laut um die Wette.


© Magdalena Bott

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