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Genie und Wahn
Martin ließ sich müde in den Sessel sinken.
"Hier." Berta stellte ihm einen Cognac hin, trug seinen Aktenkoffer ins Arbeitszimmer und hängte seinen Mantel in die Garderobe. Dann setzte sie sich auf die Couch und sah ihn mitfühlend an. Er hatte ihr schon im letzten Telegramm mitgeteilt, dass seine neue Entwicklung auf der Konferenz keinen, oder nur wenig Anklang gefunden hatte.
"Mit diesem Medikament wären die Psychiatrien in kürzester Zeit zu über die Hälfte leer. Und genau das wollen die nicht. Die vertrauen darauf, dass die Patienten regelmäßig nach dem Drehtürprinzip ihre Krankenhäuser füllen. Was ist das für eine kranke Welt."
Er zündete sich eine Zigarre an. "Ich bin trotzdem stolz auf dich. Und es tut mir in der Seele weh, dass niemand von den Kranken die heilsame Wirkung deines Medikamentes erleben darf."
Sie drückte ihm die Hand. "Hinzu kommt noch," fuhr er fort "und das hat den Herren gar nicht gepaßt, dass dieses Medikament die Betroffenen nicht nur von den negativen und kranken Symptomen befreit, sondern zusätzlich noch den genialen Zustand, in dem sich viele befinden, aufrecht erhält und die Konzentrationsfähigkeit und das Aktivitätspotential enorm steigert. Aber die Gesellschaft hat halt Angst vor zu vielen Genies, die eventuell zu kritisch und zu unbequem werden könnten. Ach, du weißt ja, wie das ist."
Er griff in seine Jackentasche und holte sein Pillendöschen hervor. Da Martin seit einiger Zeit selbst an Schlaf- und Konzentrationsstörungen litt, nahm er seit einigen Wochen in Eigendosierung sein eigenes Medikament. "Lass uns zu Bett gehen. Es ist schon spät," sagte Berta.
Martin lag noch länger wach. Sein Misserfolg beschäftigte ihn sehr. Die Entdeckung dieses Wunderpräparates, so hatte er heimlich gehofft, hätte seinen Durchbruch bedeuten können. So war er wie ein kleiner Versager aus der Konferenz geschlichen. Aber er würde ihnen den Durchbruch liefern. Denn auch er war irgendwo ein Genie, das wusste er. Schließlich übermannte ihn dann doch der Schlaf.
Nach dem Frühstück nahm er zwei von seinen Pillen. "Hast du die Dosis erhöht?"
"Ja."
"Geht`s dir nicht gut?"
"Ich will, dass es mir besser geht. Keine Angst. Ich hab das im Griff."
Anstatt nur abends zwei Tabletten, nahm Martin jetzt drei mal täglich zwei. Es interessierte ihn, wie solch ein Medikament in hoher Dosis bei einem gesunden Menschen wirkte. Wenn er an die Probanden dachte, die dermaßen kreativ und aktiv gewesen waren, wurde er im Nachhinein regelrecht neidisch. Zuerst war er stolz auf sein Werk gewesen, aber nach dieser Niederlage überkam ihn plötzlich die Sehnsucht, auch in diesen wunderbaren Zustand zu gelangen, von dem seine Probanden berichtet hatten. Außerdem arbeitete er gerade an einem Projekt, das seiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte, und da konnte er sich keinen Fehler leisten.
"Ich fahr ins Labor. Bis später." Martin nahm seine Tasche und küsste seine Frau flüchtig auf den Mund.
Draußen war es noch dunkel und es regnete. Im Labor brannte noch kein Licht, als er den Wagen einparkte. Er war immer der erste, der dort ankam. Er zog Arbeitsschuhe und Kittel an und machte sich an die Arbeit. Bisher hatte er noch niemandem von seinem neuen Projekt erzählt. Seit einigen Monaten versuchte er deshalb alleine mit seinen Forschungen zu Rande zu kommen. Martin hatte im Zuge seiner Entwicklung des Psychopharmakas herausgefunden, dass ein bestimmter Stoff, wenn man ihn extrahierte und mit den richtigen Zusatzstoffen versehen würde, eventuell die Fähigkeit haben könnte, Alzheimer und Demenz nicht nur zu stoppen, sondern das Gehirn zu seiner vollen Leistungsfähigkeit zurückzuführen. Von dieser Entwicklung versprach er sich mehr, als von einem Medikament, das vielleicht die Krankenhäuser leerfegen würde. Die Tierversuche waren bisher positiv verlaufen. Er rechnete mit noch etwa drei Wochen, bis er seinen Teamkollegen das ganze Ergebnis präsentieren wollte.
Martin war pünktlich zum Mittagessen zu Hause. Seine Frau war immer die erste, die von seiner Arbeit erfuhr. Er erzählte ihr von seiner neuen Forschung, die kurz vor dem Abschluss stand. "Vielleicht hab` ich ja jetzt mehr Erfolg." "Versprich dir nicht allzuviel. Wer weiß, was denen wieder einfällt, um dich abzulehnen."
Berta sorgte sich seit einiger Zeit um Martin. Sie hatte das Gefühl, seit er sein eigenes Medikament einnahm, sei er fixierter geworden. Er sprach von nichts anderem mehr, als von seinem Durchbruch. Und obwohl er mehr schlief, als gewöhnlich, schien er nie ausgeruht zu sein. Er war fahrig und nervös. Jetzt, wo er die Dosis so stark erhöht hatte, machte sie sich ernstlich Sorgen. Es würde keinen Sinn haben, ihm sein Tun ausreden zu wollen. Der nächste Ehekrach wäre vorprogrammiert und sie wusste auch, dass sie sich nicht durchsetzen würde.
"Ich werde mich noch kurz hinlegen, bevor ich zurückfahre." "Tu das." Martin zog sich ins Schlafzimmer zurück. Wenn er mittags ruhte, hatte er meistens die besten Ideen und Einfälle. Darum liebte er diese Stunde des Tages besonders.
Wenn das Alzheimer-Demenz-Projekt soweit abgeschlossen war, was würde dann anstehen, so überlegte er. Schon lange träumte er von einem Präparat, das den Alterungsprozess nicht nur stoppen sollte, sondern auch Schönheitsfehler, wie Falten, Tränensäcke, Warzen und starke Behaarung in einen glatten, jungen Körper verwandeln sollte. Wie dankbar würden ihm die Frauen sein, und auch so mancher Mann. Er selbst und seine Frau würden auch davon profitieren, denn das Alter hatte auch bei ihnen schon seine Spuren hinterlassen.
Früher als erwartet konnte Martin seine neueste Forschung dem Team vorstellen. Man wollte das Übliche in die Wege leiten, um nach einer fachkundlichen Überprüfung und weiteren Tests, das Medikament dann an einer Probandenreihe zu versuchen. Fast euphorisch fuhr Martin nach Hause und erstattete Bericht. "Ob es dann den erwarteten Durchbruch findet, sei dahingestellt. Aber in drei Jahren wissen wir mehr. Jetzt bin ich zunächst einmal sehr befriedigt, und habe endlich den Kopf frei für andere Dinge." Seine Augen strahlten über die Maßen. Von der Idee mit der Schönheitspille hatte er noch niemandem erzählt. Er sprach nur über Dinge, die schon vollendet oder schon in der Vollendung begriffen waren.
Berta hatte in den letzten zwei Wochen eine starke Veränderung bei ihrem Mann wahrgenommen. Teilweise hatte sie sich vor ihm gefürchtet, wenn er sie so überschwenglich mit seinen Neuigkeiten überschüttete. Er hatte ein starkes Redebedürfnis und gleichzeitig wußte sie, dass er mit seinen Kollegen kaum noch Austausch hatte. Sie waren für ihn plötzlich Konkurrenten geworden und er hatte ein großes Misstrauen gegen die übrige Umwelt entwickelt. Sie hatte auch beobachtet, dass er die Dosis seiner Tabletten seit einigen Tagen nochmals erhöht hatte, ohne ihr davon zu berichten. Außerdem hatten sie seit einigen Wochen schon keinen Sex mehr miteinander und obwohl sie ihn ein paar Mal darauf angesprochen hatte, wehrte er immer ab und sagte, er sei müde oder zu beschäftigt. Seit Neuestem vertröstete er sie dann mit einer wunderbaren Überraschung, die er ihr präsentieren wollte, wenn er sein nächstes Projekt fertig habe. Denn er würde, so versprach er, der erste Proband sein, der in den Genuss dieses Mittels kommen würde. Das hatte ihr Angst eingeflößt. Er schlucke doch schon genug, hatte sie darauf geantwortet. Aber Martin hatte sie nur ausgelacht und gesagt, sie brauche sich um ein Genie wie ihn keine Sorgen zu machen.
In den nächsten Monaten wurde Martin aüßerst kreativ. Er kam nicht mehr zum Essen nach Hause und arbeitete ununterbrochen wie ein Besessener an dieser Schönheitspille, deren Ergebnis er seiner Frau, so hatte er sich vorgenommen, zu Weihnachten präsentieren wollte.
Regelmäßig injizierte er sich die Dosen, die er zusammengestellt hatte und nach etwa zwei Monaten stellte sich der erste Erfolg ein. Seine Tränensäcke waren verschwunden und die Falten glätteten sich auch langsam. Außerdem hatte er zwei Warzen an der Hand, die sich sichtlich verkleinerten. Eine dumme Nebenwirkung hatte die Behandlung dann doch. Er verlor sichtlich Haare. Das wollte er noch in den Griff bekommen. Den Männern sollten die Haare wieder wachsen, den zu stark körperbehaarten Frauen sollte das Mittel zum Gegenteil verhelfen. Wenn er das kleine Problem lösen könnte, hätte er eine einzigartige Schönheitspille kreiiert. Nach weiteren vier Wochen hatte Martin eine komplette Glatze. Seine Stimme war um einiges heller geworden und sein Zahnfleisch war bedenklich zurückgegangen. Es drohte ihm ein völliger Zahnverlust. Berta, die ahnte, dass er schon längst sein eigener Proband war, erschrak von Woche zu Woche mehr. Hinzu kam, dass Martin zwar inzwischen faltenfrei war, aber dafür einen starken Fettansatz angelegt hatte und einen Riesenappetit besaß.
"Martin, was machst du mit dir?" fragte sie ihn. Er wehrte großtuerisch ab und garantierte ihr bis Weihnachten einen Adonis. Dann würden sie Sexorgien feiern, wie sie sie noch nie erlebt hätte.
Es wollte Martin nicht gelingen, sein Haar wieder zum Wachsen zu bringen. Die Zähne waren auch inzwischen ausgefallen. Er weigerte sich zum Zahnarzt zu gehen, um sich eine Prothese anpassen zu lassen, weil er der festen Überzeugung war, das er es auch schaffen würde, sich dritte Zähne wachsen zu lassen. Seinen Kollegen war er schon lange aufgefallen. Denn seine misstrauische Zurückgezogenheit war einer aufdringlichen Wichtigtuerei gewichen. Sie hielten ihn für übergeschnappt und waren froh, dass er an keiner maßgeblichen Forschung mitbeteiligt war. Denn das wäre nicht mehr zu verantworten gewesen. Was er sonst so herumforschte, solange er niemand anderem Schaden zufügte, dass interessierte sie nicht. Sie hofften darauf, dass sich diese Phase wieder legen würde.
Inzwischen war es Ende November. Martin gab seine Versuche nicht auf, noch bis Weihnachten seiner Frau den Adonis zu präsentieren. Was er bis dato noch geschafft hatte war, dass seine Stimme wieder die normale Modulation anzunehmen begann. Ansonsten war er sehr fett geworden, hatte immer noch kein Haar auf dem Kopf und keine Zähne im Mund. Was er noch Positives erfahren durfte, war, dass er wesentlich schärfer sehen und hören konnte. Allerdings schlugen diese Fähigkeiten ein paar Wochen später in ihr Gegenteil um. Denn er sah plötzlich Dinge und Gegenstände, die nicht da waren und hörte Geräusche und Musik, obwohl in seinem Labor Totenstille herrschte. Das beunruhigte ihn aber nicht weiter und er schob es auf die letzte Injektion, die er sich gegeben hatte. Dieses Phänomen würde er mit der nächsten sicherlich wieder in den Griff bekommen. Dass seine psychische Labilität auf den Missbrauch seiner Psychopharmaka beruhte, auf diese Idee kam er schon gar nicht mehr. Er schluckte sie weiterhin brav, da sie ihm ein Gefühl der Euphorie und Größe gaben, dass er so nicht an sich kannte.
Am dreiundzwanzigsten Dezember fuhr er zum letzten Mal ins Labor. Da er völlig den Überblick verloren hatte, was er sich da eigentlich einspritzte, geschweige denn, was an seinen Fehlversuchen zu korrigieren war, glaubte er nun die absolute Formel gefunden zu haben, die ihn über Nacht zu dem machen sollte, was er versprochen hatte. Und tatsächlich, kurz nachdem er sich die Spritze gesetzt hatte, nahm er einen Stuhl, setzte sich nackt vor den Spiegel und staunte nicht schlecht, als er die Haare wachsen sah, sogar in seiner Lieblingsfarbe. Er sah die Pfunde dahinschmelzen und sogar seine Augenfarbe nahm seine Traumfarbe an. Das Phänomenalste für ihn aber war, das er lächelnd seine wachsenden dritten Zähne beobachten durfte.
Dann stand er auf, betrachtete sich von allen Seiten und sehr zufrieden mit seinem Werk, machte er sich nackt auf den Heimweg. Es schneite und er stapfte stolz wie ein Herold durch den Schnee. Das Auto hatte er absichtlich stehen lassen, damit ihn alle bewundern durften. Und tatsächlich glaubte er zu sehen, dass ihm die Leute auf der Straße zulächelten. Er hörte ihren Applaus und ihre Jubelschreie.
Am Morgen des Heiligabends rief Berta im Labor an. Ihr Mann war in der Nacht nicht nach Hause gekommen und sie wollte ihn bitten, dass er doch wenigstens an Heilig Abend nicht arbeiten solle. Sie wusste ja von seinem Ehrgeiz und dachte sich, dass er gewiss die ganze Nacht durchgearbeitet hatte. Da er im Labor nicht anzutreffen war, rief sie bei der Polizei an, das Schlimmste befürchtend und das Beste hoffend. Die Polizei bestätigte ihr nach einer kurzen Personenbeschreibung, dass ihr Mann nackt von ihnen aufgegriffen und in die Psychiatrie eingeliefert worden sei. Berta fuhr sofort ins Krankenhaus. Der diensthabende Arzt bereitete sie sachte vor, dass ihr Mann jetzt schlecht anzusprechen sei, dass seine sämtlichen Zehen erfroren waren und dass diese dringend amputiert werden müßten. Berta war schockiert. Als sie sich wieder beruhigt hatte, ging sie ins Krankenzimmer. Martin hing an einem Tropf und lächelte ihr müde zu. "Berta mein Schatz. Hab ich dir zuviel versprochen? Da liegt nun dein Adonis. Wetten, dass dies mein absoluter Durchbruch ist? Der Nobelpreis ist mir schon sicher." Den letzten Satz brachte er nur noch mit Mühe heraus. Dann schlief er ein.
© Magdalena Bott

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