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Keine Haftung für Prothesen
"So, das sitzt." Dr. Mammut schaute zufrieden und hielt mir den Spiegel hin. Ich lächelte hinein und war glücklich. "Das ist exzellent. Sie sind ein echter Könner."
Mit einem strahlenden Divalächeln und einem neuen Elan, verließ ich die Praxis und begab mich in das nächste Café. Diese Zähne musste man zeigen. Ich kam aus dem Lächeln nicht mehr heraus. Seitlich von mir war eine Spiegelwand angebracht. Ab und zu sandte ich auch mir ein verstohlenes Lächeln zu, nur um meine wunderbaren Zähne betrachten zu können.
Dr. Mammut hatte mal über sich selbst gesagt, dass er eigentlich mehr Designer als Zahnarzt sei, ein sogenannter Zahndesigner also. Er hatte nicht übertrieben. Dieses Gebiss übertraf meine erste Prothese bei weitem. Es wirkte so echt und so perfekt, dass man meinen konnte, ich hätte all die letzten fünfzig Jahre eine intensive Zahnpflege betrieben und meine natürlichen Zähne dadurch so gut erhalten.
Meine erste Prothese wurde mir schon früh angepasst. Ich hatte damals große Probleme diesen Fremdkörper, dazu noch in meinem Mund, anzunehmen. Ich weiß nicht, wie lange ich gebraucht hatte, mich an diese fremden Zähne zu gewöhnen, die irgendwie auch fremd aussahen.
Später konnte ich damit leben, als Prothesenträgerin durch die Welt zu gehen, ein Prothesenlächeln auszusenden und außer mir, schien auch kein Mensch damit Probleme zu haben.
Da mit solch dritten Zähnen immer erhebliche Unkosten verbunden sind und ich ausgerechnet an dieser Stelle immer besonders sparsam, ja geizig gewesen war, hatte ich es mir selbst zuzuschreiben, dass ich nicht schon früher diese Investition gemacht hatte und mich nun vollkommen zufrieden und sicher fühlen durfte.
Was die alten Zähne betrifft, so habe ich eigentlich nur Ärger mit ihnen gehabt. Sei es, dass ich das Gebiss in der Wohnung verlegte und nicht mehr fand, weil ich es einfach nicht fertig brachte, einen festen Ort auszuwählen; das Bad wäre hierfür wohl angebracht gewesen, oder dass ich vergaß es anzuziehen. Ich hatte nämlich die Angewohnheit, wenn ich von draußen hereinkam, zuerst die Schuhe auszuziehen, ein paar Schritte zu gehen und währenddessen die Zähne herauszunehmen und sie irgendwo abzulegen. Zu Hause, wenn ich ungestört war, wollte ich diese Dinger nicht tragen, und mehr als einmal wurde ich sozusagen inflagranti erwischt, ohne Zähne, wenn es unverhofft an meiner Tür klingelte und ich entweder vergessen hatte, dass ich keine Zähne im Mund hatte, oder in der Hektik die Prothese nicht gleich finden konnte. Und da ich immer eine eitle Frau gewesen bin, war mir das recht unangenehm. Denn ohne Zähne siehst du gleich um zwanzig Jahre älter aus, abgesehen davon, dass meine sonst so deutliche Aussprache, auf die ich auch Wert lege, einem breiigen Lispeln gleicht. Ja sogar die Stimme scheint dann auch um Jahre gealtert zu sein. In solch peinlichen Momenten verwünschte ich mich manchmal. Bei Freunden, die das schon von mir kannten, war es nicht mehr ganz so schlimm. Sie ließen mich in Ruhe mein Gebiß suchen und damit war die Sache erledigt.
Vor fünf Wochen passierte dann, was noch geschehen musste. Schon Monate vorher saß die Prothese nicht mehr richtig. Vielleicht hatte ich sie in letzter Zeit einfach zu häufig bei Seite gelegt. Jedenfalls klappte mir manchmal die obere Gebisshälfte nach unten, wenn ich laut und offenen Mundes aus mir herauslachte. Mein Gegenüber lachte dann umso doller und ich musste die Zähne erst mal wieder nach oben verlagern, um weiter lachen zu können. Aber eigentlich dämpfte diese Begebenheit doch meinen ersten Lachschwung. Außerdem blieb die obere Zahnreihe auch gerne in weichen Brötchen hängen, bzw. löste sich vom Gaumen, wenn ich in einen Apfel biss. Vor Haftcreme grauste mir, denn damit hatte ich natürlich dann auch meine Erfahrung machen dürfen. Wenn ich wie gewohnt schnell die Zähne aus dem Mund nehmen wollte, wurde daraus eine Aktion von einigen Minuten und das hinderte mich an meinem gewohnten Schnellraus, Schnellrein.. Schließlich ließ ich sie dann doch ganz weg, weil mir das einfach zuviel Aufwand war und nahm dafür ein klapperndes Gebiss in Kauf.
Ich sah wohl ein, dass etwas Neues, Passendes hermusste. Aber der Geiz und die sich schon eingeschlichene Gewohnheit, mit einem unpassenden Gebiss herumzulaufen, hielten mich ganz einfach davon ab. Und ausgerechnet in einer Zeit, da ich finanziell knapp war und gar nicht vorhaben konnte geschweige denn wollte, mir eine neue Prothese anpassen zu lassen, war ich gezwungen den Tatsachen ins Auge zu sehen und zum Zahnarzt zu müssen.
Denn wie gesagt, vor fünf Wochen schlug das Gebiss zu,...und ich schlug zurück.
Wie gewöhnlich suchte ich morgens in der Küche die Zähne, denn da fand ich sie meistens, neben der Tupperware auf dem Holzregal. Da ich sie dort nicht fand, konnten sie nur im Wohnzimmer auf dem Couchtisch liegen. Dort waren sie nicht. Blieb nur noch das Bad, wo sie selten zu finden waren. Auch da keine Spur. Ich suchte noch mal Küche, Wohnzimmer und Bad ab. Ich sah sogar unter der Couch, hinter dem Fernseher und in den Schränken nach.
Da ich eine Verabredung hatte und es mit der Zeit sehr knapp war, wurde ich doch leicht gereizt und fing an, immer hektischer zu suchen. Schließlich kam mir die Idee, im Schlafzimmer nachzusehen. Ich durchwühlte den Kleiderschrank, riss die Bettdecke herunter, schaute unter dem Bett nach. Zum Schluss war ich so entnervt und gestresst, dass ich schreiend mein Gesicht im Kopfkissen vergrub. Dabei schoben sich die Hände darunter und...
Sie ertasteten mein gesuchtes Objekt. Noch nie in meinem Leben hatte ich meine dritten Zähne unter das Kopfkissen gelegt, geschweige denn, sie jemals im Schlafzimmer liegen lassen. Im ersten Moment stutzte ich eine Sekunde. Dann schnappte ich mir beide Zahnreihen mit einer Hand und schleuderte sie, einen lauten Kamikazeschrei ausstoßend, gegen die Wand. Ausgerechnet die oberen gingen dabei zu Bruch. Wenn es umgekehrt gewesen wäre, wäre mir das lieber gewesen. So musste ich zwangsläufig mit einer unteren Zahnreihe und oben ohne, zum Zahnarzt. Irgendwie war ich erleichtert, dass die Zähne endlich zu Bruch gegangen waren und obwohl ich das Geld gerade nicht hatte, sollte mir nichts zu teuer sein, wenn es denn nur meiner wieder aufflackernden Eitelkeit zugute kommen sollte.
Ich beriet mich mit Dr. Mammut und nach der gelungenen Arbeit, war ich so stolz auf meine neuen Dritten, dass ich mir ganz abgewöhnte, sie fast gleichzeitig mit den Schuhen auszuziehen und sie nun an einem Ehrenplatz im Bad aufbewahre.
© Magdalena Bott

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