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Im Aus

Die Kneipe war leer und dunkel. Marina war wie immer der letzte Gast. Sie starrte auf ihr Glas und zog geistesabwesend an der Zigarette. "Darf ich wenigstens noch auf`s Klo gehen, bevor du mich rausschmeißt?" lallte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten schwankte sie zur Toilette. "Was will die denn noch auf dem Klo? Die hat doch schon die Hosen naß." Der Wirt räumte ihr Glas ab und begann die Stühle hoch zu stellen. Dann leerte er die Aschenbecher und spülte die Gläser. "Verdammt noch mal. Wo bleibt die denn?" Er klopfte an der Klotür. "Marina, schlaf nicht ein! Ich mach dicht. Wir haben halb zwei." Sie grummelte irgendwas.
Martin ging zu seinen Gläsern zurück. Marina hatte sich die Lippen in einem grellen Orange nachgezogen und die fettigen Haare hochgesteckt. Sie wedelte mit einem Fünfziger in der Hand und fragte, ob sie schon bezahlt habe. "Steck dein Geld ein. Du hast längst bezahlt." Er half ihr in den Mantel und brachte sie zur Tür. "Schlaf gut, Marina." "Du auch, mein Schatz." Sie lächelte schief und torkelte in die Kälte. Bis zur nächsten Kneipe, die noch auf hatte, war noch ein gutes Stück zu laufen. Sie ging durch die fast menschenleere Fußgängerzone. In ein paar Ecken saßen oder lagen Penner. Einer trank gerade an einer Rotweinflasche "He, gib mir mal nen Schluck," sagte sie. "Klar doch. Komm hock dich zu mir." Sie ließ sich auf dem kalten Stein nieder und trank. "Sag mal. Schläfst du etwa hier draußen?." "Was denn sonst?. Ich bin ein Penner." "Das wär mir zu kalt. Da friert man sich ja den Arsch ab," sagte sie und erhob sich wieder. "Ich zieh weiter. Danke noch für den Trunk."
In der Gießkanne traf sie ein paar Nachtschwärmer, die zuvor in Martin`s Bistro gesessen hatten. Die Leute interessierten sie nicht. Sie bestellte ein Pils. "He, kannst du nicht was von Tina Turner oder so auflegen? Das Jazzgedudel raubt einem ja den letzten Nerv." Der Barkeeper lachte sie an. "Das ist eine Jazzkneipe. Noch`n Pils?" Sie nickte schwerfällig. Dann zahlte sie und ging.

Es brauchte seine Zeit, bis sie den Schlüssel endlich im Schloß hatte. An der Wohnungstür dasselbe Spiel. Das Flurlicht war kaputt. Marina tastete sich ins Schlafzimmer, ließ den Mantel fallen und legte sich mit Schuhen ins Bett. Im ersten Moment drehte sich alles um sie. Dann verlor sie das Bewußtsein.

Gegen Mittag wachte sie in einer Lache von Erbrochenem auf. "Scheiße." Sie schlich ins Bad und hielt ihr Gesicht unter den kalten Wasserstrahl. Vergeblich suchte sie nach Zigaretten. Sie fluchte laut vor sich hin. Dann nahm sie ein Bier aus dem Kühlschrank und löschte ihren Brand.
Da sie es eilig hatte, an Zigaretten zu kommen, nahm sie nur ihr Geld und verließ ohne Mantel die Wohnung. Die eisige Kälte ernüchterte sie. Sie zog sich Zigaretten und wollte gerade die Haustür aufsperren, als sie merkte, dass sie ihren Schlüssel nicht dabei hatte. Er steckte im Mantel. Ohne groß zu überlegen ging sie zu Martin.

"Nanu? So früh schon unterwegs?" "Ich komm nicht in die Wohnung. Hab` meinen Schlüssel oben liegen lassen. Mach mir`n Pils." Martin zapfte. "Ich hab` Bratkartoffeln mit Frikadellen." Er hatte ihr gar nicht richtig zugehört. Marina wollte nichts essen. Sie steckte sich eine Zigarette an und trank.
An diesem Abend ging sie schon bei Zeiten. Es war halb zwölf, als sie wieder an ihrer Haustür stand und ihr noch mal einfiel, dass sie ja den Schlüssel vergessen hatte. Da sie aber auch niemanden raus klingeln wollte, kauerte sie sich auf die Treppe. "Wird mir schon jemand aufmachen. Da kommen ja noch genug nach Hause." Nach fünf Minuten war sie fest eingeschlafen.

Als Martin am übernächsten Tag die Zeitung aufschlug, las er: "Junge Frau im Hauseingang erfroren. Wie sich herausstellte, war sie eine Bewohnerin des Hauses und hatte wohl ihren Schlüssel in der Wohnung vergessen." Martin überlief ein Schauder. Hatte Marina nicht irgendwas von einem Wohnungsschlüssel gefaselt? Am Abend wurde ihm bestätigt, dass es sich tatsächlich um Marina handelte.
"Sie war vorgestern noch bei mir gewesen," sagte er und zapfte sein Bier.


© Magdalena Bott

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