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Formen des Mißbrauchs und die Opfer- und Täterrolle

Wenn ich hier über Mißbrauch schreibe, dann meine ich damit jegliche Grenzüberschreitung, die zum Schaden derer führen, an denen er bewußt oder unbewußt ausgeübt wird. Mißbrauch im weiteren Sinne umfaßt für mich neben dem sexuellen, auch den emotionalen und körperlichen Mißbrauch.

Im allgemeinen reden wir vom sexuellen Mißbrauch dann, wenn das Opfer in irgend einer Weise körperlich sexuellen Übergriffen ausgesetzt war oder ist. Wie oft schon aber habe ich erlebt und auch von anderen erfahren, dass sexueller Mißbrauch durchaus auch auf verbaler Ebene stattfinden kann.
Gemeint ist nicht die gewöhnliche Anmache, wenn diese natürlich auch grenzüberschreitend sein kann.
Ich rede hier von sexueller Gewalt, die auf verbale Weise meistens Frauen zugefügt wird, verbunden mit der entsprechenden Gestik oder Mimik, die das ganze noch unterstreichen soll.

Vor Jahren trampte ich von zu Hause aus nach Saarbrücken. Der Weg ging über Landstraßen, und so hatte ich das Pech, mit dreizehn verschiedenen Autos mitfahren zu müssen, weil jeder von den Fahrern nur von einem kleinen Ort zum nächsten fuhr. Es war ein heißer Tag und ich fühlte mich psychisch schwach und angegriffen. Alle diese dreizehn männlichen Fahrer hatten mich, ohne Ausnahme, in irgendeiner Form verbal, und einer auch körperlich, sexuell belästigt.
Und wie ich das vom Mißbrauch her kenne, redet der Täter in einer Art auf dich ein, daß du ein schlechtes Gewissen haben mußt, wenn du jetzt nicht mit ihm schläfst oder ihm einen runter holst. Immer sind sie die armen Kerle, die in Not sind, was sie dann in Entschuldigungen verpackt, auf alle erdenkliche Weise dir vermitteln und dich dadurch selbst in Not bringen.
Anscheinend hatte ich trotz dieser Schwachheit doch noch soviel Stärke, dass ich bestimmt Nein sagen konnte, wenn es auch teilweise ein Winseln war.
Es war furchtbar und ich fühlte mich total beschmutzt, als ich endlich am Ziel angekommen war.
Heute trampe ich nicht mehr, aber es passiert doch immer wieder mal, daß ich auf andere Art auf der Straße belästigt werde. Manche tragen ihren Schwanz im Gesicht und drücken das dementsprechend aus. Das sind die Momente, wo ich eine ohnmächtige Wut empfinde und zur Furie werden kann.
Ich kenne Frauen, denen solche Übergriffe fast täglich passieren, und meistens sind sie in früheren Jahren Opfer eines sexuellen Mißbrauchs gewesen. Oft haben sie die Opferrolle noch nicht abgelegt und stoßen immer wieder auf einen Täter.

Die Folgen eines sexuellen Mißbrauchs sind dermaßen weitreichend, daß es nur sehr schwer und auch selten ist, dass sich das Opfer aus seiner Rolle ganz lösen und ein unbeschwertes Leben führen kann.

Frauen wie Männer, die sich mit der Rolle des Opfers bewußt oder unbewußt identifizieren, begegnen dem Mißbrauch oft und in all seinen Formen. Ein Täter, der Mißbrauch ausübt, ist im Grunde Opfer seiner selbst. Aber dazu später.

Beim emotionalen Mißbrauch spielt die verbale Gewalt die größte Rolle. Und ich bin davon überzeugt, daß die verbale Gewaltausübung die häufigste Form des Mißbrauchs ist. Es ist eine Gewalt, die verletzt und zerstört, die offen oder versteckt zu Tage treten kann.
Ich persönlich finde die verdeckte Art, die schlimmere. Da sagt dir jemand schöne Worte und du spürst die Intension die dahinter steckt, ob es sich um das Ausüben von Macht handelt, oder um Schuldzuweisung, um vernichtende Kritik oder um versteckte Vorwürfe. Es verletzt und kann dich kaputt machen. Dieser subtilen Form des Machtmißbrauchs ist schwer zu begegnen. Oft merken wir erst im Nachhinein, dass da etwas nicht in Ordnung war und tragen dann die Verletzung mit uns herum. Und wenn es dann mal passiert, dass wir darauf aufmerksam machen, wird es vehement abgestritten und ein unnötiger Streit vom Zaun gebrochen.

Der körperliche Mißbrauch reicht von der Mißhandlung durch Gewaltausübung bis zu den Folgen des Todes und schließt den emotionalen, seelischen Mißbrauch oft mit ein.
Wir wissen von der Gewalt, die Frauen von Männern zugefügt werden, aber auch Männern von Frauen, von Kindesmißhandlung, von Folter in all ihren Formen und dürfen nicht vergessen, daß auch die Arbeitskraft mißbraucht werden kann. Denken wir an die Sklavenhaltung, an die Kinderarbeit, die leider immer noch in manchen Ländern anzutreffen ist, an die Sträflingslager und die ehemaligen KZ`s mit ihrer Zwangsarbeit. Auch die Beschneidung von Jungen und Mädchen schließe ich da nicht aus. Abgesehen von dem Mißbrauch, den wir uns selbst unserem Körper oft zufügen durch eine ungesunde Lebensweise. Dies zähle ich auch dazu.

Wer in irgendeiner Weise Opfer eines Mißbrauchs war, erliegt eher der Gefahr einmal selber Täter zu werden, um das Unrecht, das ihm zugefügt wurde zu verarbeiten, um nie wieder Opfer sein zu müssen oder vielleicht auch aus Haß und Rache heraus, aus dem Zwang vielleicht, sich nur auf diese Weise lebendig und stark zu fühlen.
Ein Mensch, der weitgehend vor Mißbrauch bewahrt blieb wird weder Opfer noch Täter sein müssen. Er wird nicht den Drang haben Macht ausüben zu wollen und er wird es auch nicht dulden, dass ein anderer Macht über ihn ausübt. Er hat genug Ichstärke um unterscheiden zu können, was akzeptabel ist und was schädlich.
Ebenso ergeht es Opfern, die aus ihrer Rolle ausgestiegen sind, ohne zu Tätern zu werden. Sie haben eine besonders sensible Antenne für Ungerechtigkeiten und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn sie die Defensive erfolgreich hinter sich gelassen haben, können sie sich zu echten Kämpfernaturen entwickeln im Einsatz für die Schwachen.
Ich glaube, daß es ein Täter schwerer hat als ein Opfer, aus seiner Rolle herauszukommen. Einmal ist der Leidensdruck nicht so hoch, wenn er ihn überhaupt wahrnimmt, und das Gefühl von Macht wird gebraucht, um sich als stark und ganz zu empfinden. Aus diesen Gründen dürfte es auch schwerer sein einen Täter zu therapieren, als ein Opfer.

Ich selbst habe mich lange Jahre erst unbewußt , dann bewußt als Opfer gesehen. Als es mir bewußt wurde, habe ich erst mal gejammert und mich bemitleidet. Auf diese Weise hatte ich die Rolle nur verstärkt. Ich suhlte mich teilweise in Selbstmitleid und fand irgendwo auch Gefallen daran. Bis ich eines Tages auch genug von mir selber hatte und anfing mich zu wehren.
Nachdem ich den Mißbrauch an mir aufgearbeitet hatte, stellte sich wie von selbst das gesunde Bedürfnis ein, nicht mehr Opfer sein zu wollen, für mich einzutreten und einzustehen.
Mein Wunsch nach Freiheit und Gleichheit ist stark ausgeprägt. Wo ich vorher nur reagiert habe, bin ich heute zur Agierenden geworden. Die sogenannten Unterlassungssünden sind die häufigsten, die ich in meinem Leben "getan" habe.
Heute finde ich nichts schlimmer, als passiv alles über sich ergehen zu lassen aus Angst und Feigheit heraus. Daher lautet mein jetztiges Motto:" Zeige Zivilcourage und änder das, was du ändern kannst."


© Magdalena Bott

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