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Der Professor

"Professor Pitt. Sie denken doch an den Termin mit Herrn Schimmelpennig?"
Seine Sekretärin stand erwartungsvoll in der Tür.
"Ach ja. Sicher doch. Wann war das noch?"
"Um 11 Uhr 30 in der Mensa. Wir haben kurz vor halb zwölf."
Pitt fuhr auf und suchte seinen Mantel.
"Donnerwetter. Hätt` ich fast verschwitzt."
"Ihr Mantel hängt im Vorzimmer."
"Gut. Danke. Ich werde nach dem Gespräch direkt nach Hause fahren und bin heute für niemanden mehr zu sprechen."
"Geht in Ordnung." Frau Süßmilch half ihm in den Mantel und reichte ihm seinen Hut.
"Dann wünsch ich Ihnen noch viel Erfolg," rief sie dem Herauseilenden hinterher.

Nach dem Termin schwang er sich auf sein Rad und fuhr heim. Da er am Morgen seine Handschuhe vergessen hatte, schmerzten seine Hände vor Kälte, als er endlich zu Hause ankam.

Seine Schwester Louis hatte sich hingelegt und das Essen für ihn warm gehalten. Er schnupperte daran, bevor er den Mantel abgelegt hatte. Auf dem Tisch lag noch die Zeitung vom Morgen auf ihrem Platz. Er las darin, während er aß.

Louis war ihm eine große Stütze. Sie versorgte den Haushalt und wenn sie auch nichts von Philosophie verstand, so hörte sie ihm doch immer aufmerksam zu, wenn er sich in Vorträge verlor.
Neben Frau Süßmilch an der Uni, war sie zu Hause für ihn die rechte Hand, die für das Praktische sorgte. Einmal mußte sie ihm seine Schuhe nachtragen, weil er vergessen hatte seine Pantoffeln auszuziehen. Wenn sie Gäste erwarteten, war sie die organisatorische Kraft, die alles zum Besten gedeihen ließ. Sie nahm sich seiner an, wie eine umsorgende Gattin. Ohne ihr ordnendes Talent, wäre er schon längst in seinem Chaos erstickt. Pitt wußte ihre Hilfe wohl zu schätzen und drückte seinen Dank aus, indem er sie frei gewähren ließ, ihr die finanziellen Angelegenheiten voll anvertraute, und nie Unmut oder Ärger zeigte. Seinem Geiz stand ihr großzügiges Verwalten gegenüber. Aber auch da ließ er sie gewähren. Die Blumen und Pralinen, die er ihr nie schenkte, schenkte sie sich selbst. Er vergaß sogar alljährlich seinen eigenen Geburtstag und war jedesmal überrascht, wenn am 3.Mai Geschenke für ihn bereit lagen. Weihnachten konnte er nicht übersehen. Dann lud er sie jedes Mal zu einem üppigen Mahl ein.
So lebten sie nun schon seit fünfunddreißig Jahren zusammen. Daß einige Kollegen über ihn lächelten, wenn er von seiner Louis sprach, schien er gar nicht zu bemerken.

Pitt zog die Schuhe aus und legte sich auf die Couch. Er stopfte sich eine Pfeife, hatte Mozart aufgelegt und summte mit Papageno: "Ein Mädchen oder Weibchen..." Louis war inzwischen aufgestanden und fing an, in der Küche zu hantieren.
"Was schaffst du denn, Louis?"
"Ich muß doch das Essen für heute Abend vorbereiten. Die Schnegels kommen bereits um sieben."
Natürlich. Das hatte er ganz vergessen. Wie gut, daß es Louis gab.
Achim Schnegel war ein alter Freund von Pitt. Sie waren schon öfter zu viert an die Nordsee gefahren, um dort ein paar Tage zu entspannen.
Er erhob sich von der Couch und ging in sein Arbeitszimmer. Bis kurz vor sieben war er in seine Arbeit vertieft, als Louis eintrat und ihn bat, sich umzuziehen für den Abend. Als es klingelte, stand er gerade in der Unterwäsche und suchte verzweifelt seine gute Hose.

Die Schnegels saßen schon eine Weile im Eßzimmer, als Pitt hinzu kam. Die beiden waren gewohnt, ihren Freund mit Verspätung anzutreffen und begrüßten ihn herzlich. Louis brachte den Aperitif. Während die Männer fachsimpelten, tauschten sich die Frauen über praktische Dinge aus.

Als die Gäste verabschiedet waren,, nahm sich Pitt noch ein letztes Mal seine morgige Vorlesung vor, überflog sie, machte Notizen und löschte dann das Licht. Louis hatte soweit Ordnung gemacht und wollte gerade auch ins Bett gehen, als sie ein Rascheln hörte, das aus der Küche zu kommen schien. Sie sah nach, in der Hoffnung, daß es keine Maus sei. Denn vor Mäusen hatte sie eine furchtbare Phobie. Wie froh aber wäre sie gewesen, wenn es nur ein Mäuslein gewesen wäre.
Stattdessen erstarrte sie fast, als sie hinter dem Mülleimer eine grüne Schlange entdeckte. Als sie sicher war, das es kein böser Traum war, begann sie wie eine Furie zu schreien. Sekunden später stand Pitt neben ihr und starrte ebenso entsetzt auf die Python.

" Dieser Schnegel. Muß er uns jetzt seine Haustiere mit ins Haus bringen!? Ich ruf ihn gleich an." Blaß und geschockt hatte sich Louis in ihr Zimmer eingesperrt. Pitt rief den Freund an.
Schnegel war äußerst peinlich berührt, als er erfuhr, daß seine Samantha sich ausgerechnet bei Pitts nieder gelassen hatte. Er erklärte entschuldigend, daß er ausnahmsweise die Schlange in seiner Tasche mitgenommen hatte, weil er kurz vor dem Treffen noch beim Tierarzt mit ihr gewesen war. Natürlich hatte er sie nicht erwähnt, sie sicher in der Tasche wissend. Zu Hause bemerkte er dann erst ihren Verlust. Er war auch gerade drauf und dran bei Pitts anzurufen, um nach ihr zu fragen.

Dr. Pitt war außer sich und verlangte die sofortige Abholung von Samantha. Schnegel versuchte ihn zu beruhigen, versicherte, daß Samantha lieb und ungiftig sei, und daß er sofort mit einem Taxi vorbei käme.

Pitt legte auf und schlich zur Küche zurück. Wo war sie? Er schaute im Mülleimer nach, unter dem Küchenschrank, hinter dem Herd und schließlich im Kühlschrank. Als er sich wieder umblickend aufrichtete, züngelte sie direkt an seinem Gesicht vorbei. Sie hing in der Küchenlampe. Er machte einen entsetzten Sprung zur Seite, griff im Affekt nach dem Brotmesser und hieb ihr mit einem Schlag den Kopf ab.
Erschreckt stand er vor seiner Tat. Wie sollte er das Schnegel erklären? Im selben Moment klingelte es Sturm. Verwirrt öffnete er die Tür. Schnegel stand mit seiner Tasche, schüchtern lächelnd im Eingang.
"Wo ist die Kleine?"
"Achim... ich. Komm rein....Deine Samantha ist tot."
"Was?! Was ist passiert?"
"Sie...ich. Ach komm doch erst mal rein."
Er führte ihn in die Küche, stotterte wirres Zeug, entschuldigte sich, erklärte.
Achim Schnegel sah nur betrübt auf seinen Liebling. Dann preßte er wütend und traurig hervor: "Hast du eine Ahnung, wie teuer so ein Tier ist? Ach was, teuer. Ich hab` an ihr gehangen, wie andere an einem treuen Hund." Er nahm Kopf und Körper und verließ ohne ein Wort die Pitt`sche Wohnung.

Louis wagte sich noch mal aus ihrem Zimmer. Zerknirscht stand ihr Bruder noch immer in der Küchentür.
"Hat er sie mitgenommen?"
"Ja." Er schlurfte ins Schlafzimmer und schloß geräuschvoll die Tür.
In dieser Nacht tat er kein Auge zu. Ganz übernächtigt und erschlagen saß Pitt morgens am Küchentisch. Louis sprach kein Wort. Sie schenkte ihm Kaffee ein und verschwand dann im Bad. Er schwang sich aufs Rad und radelte müde zur Uni.

Frau Süßmilch sah ihrem Chef direkt an, daß er nicht gerade bester Stimmung war. Sie hielt sich sehr zurück. Schweigend brachte sie ihm die Post, klärte noch ein paar Termine und ließ ihn dann alleine.

Pitt fühlte sich wie ein gemeiner Mörder. Immer wieder ging er die Szene mit dem Küchenmesser durch. Er konnte nicht begreifen, daß er so brutal reagiert hatte, obwohl er doch wußte, daß Samantha ungefährlich war. Er war unfähig sich zu konzentrieren. Schließlich faßte er einen Entschluß.

Frau Süßmilch traute ihren Augen nicht, als der Professor wie verwandelt aus dem Büro stürmte und ihr im Gehen zurief: "Sorgen Sie dafür, daß ein Aushang gemacht wird. Die Vorlesung entfällt."

Beschwingt und bester Laune fuhr er in die Stadt. Achim hatte ihm damals erzählt, wo er die Schlange her hatte. Pitt fand auf Anhieb den Händler. Etwas beklommen, aber doch neugierig, ließ er sich die Pythons zeigen. Endlich entdeckte er eine junge Schlange, die Samantha weitgehend glich. Kurz erschrocken über den Preis, reichte er dem Tierhändler einen Scheck und verließ triumphierend den Laden mit seiner Beute.

Schnegel war Ingenieur und hatte sein Büro in einem Vorort der Stadt. Pitt ließ sein Rad stehen und stieg in den nächsten Bus. Er hatte es sehr eilig, sich mit seinem Freund zu versöhnen. In der Firma kannte man ihn bereits und ließ ihn direkt zu Achim. Dieser staunte nicht schlecht, als er um diese ungewohnte Stunde seinen Freund bei sich sah.
Ohne ein Wort zu sagen, ja sogar, ohne einen Ekel zu fühlen, griff Pitt beherzt in die Tasche und zog stolz lächelnd die Schlange heraus. Schnegel war überrumpelt. Er war gerührt und kämpfte mit den Tränen. Liebevoll nahm er das Tier in seine Hände.
"Ich habe Samantha noch gestern nacht im Garten vergraben. Daß ich so schnell eine neue bekommen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber ich kann sie dir wohl schlecht abschlagen."

Er legte die Schlange auf den Schreibtisch, nahm zwei Gläser und schenkte Cognac aus. "Sag mal. Hast du nicht Termine an der Uni?"
"Laß nur. Das ist jetzt völlig zweitrangig. Ich bedaure unendlich, daß ich das Tier getötet habe. Es geschah im Affekt. Und es ist wohl ein schwacher Trost, dir ein neues zu schenken. Ich weiß, wie es sich anfühlen muß, wenn man einen Hund oder eine Katze verliert. Genau so wird es dir mit Samantha ergangen sein."


Stumm erhoben die Freunde ihre Gläser und tranken.


© Magdalena Bott

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