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Die Spinne

Ausgesprochen: Reiß dich zusammen. Stell dich nicht so an. Was ihr aber auch für Freunde habt! Willst du nicht mal mit dem Rauchen aufhören? Du könntest dich viel besser anziehen. Immer diese Flohmarktklamotten. Willst du nicht irgendeinen Halbtagsjob annehmen?

Unausgesprochen: Schade, um das arme Mädchen. Die hätte es echt zu was bringen können. Was muß die schon gelitten haben. Ich kann ihr eh nicht helfen. Die macht ja doch was sie will. Was muß die für ein armes Leben führen. Wieso hat die eigentlich keinen Mann? Hat die keine Bedürfnisse? Warum macht die nichts aus sich? Sie könnte heute gut verdienen und Mann und Kinder haben. Ja, sie tut mir echt leid. Nicht gerade zum Vorzeigen. Muß ja niemand wissen, was schon alles mit ihr war.

Die klebrigen Fäden an meinem Kopf. Sie hängen überall. In den Haaren, sogar in der Nase. Ich sehe in den Spiegel. Ich sehe aus wie die Spinne, die dieses Netz gesponnen hat, und fühle Ekel. Diese Augen, dieser Blick! Furchtbar. Am liebsten würde ich mir die Haut abziehen und heraus käme ein Engel, der mir gar nicht mehr ähnlich sieht. Wenn wenigstens das lästige Netz nicht mehr wäre. Da hilft auch kein Duschen. Genausowenig wie man sich durch ständiges Händewaschen von Schuldgefühlen reinwaschen kann, genausowenig wird dieses Netz verschwinden. Es wird sich sofort wieder über mich legen.
Warum sehe ich mich so angewidert an? Warum nicht freundlich lächelnd? Ich verziehe die Mundwinkel nach oben, was mir regelrecht Mühe bereitet. Plötzlich lächle ich. In diesem Netzwirrwarr sieht das so absurd aus, daß ich lachen muß, richtig laut lachen muß. Diese Fratze ist dermaßen häßlich, daß sie schon wieder schön und liebenswert ist. Zusätzlich ziehe ich noch Grimassen, erhebe den rechten Zeigefinger und halte mir lachend eine Moralpredigt. Unanständige Furzgeräusche entfleuchen meinem Mund. Mit erhobenen Armen lehne ich mich gegen den Spiegel und lache mich aus.
"Nun, Madame, fühlen sie sich jetzt besser?" "Aber sicher doch, du Ekel."
Sämtliche Erziehungspersonen, Lehrer, Priester und Psychologen, Ärzte etc., die irgendwas zu kamellen hatten in meinem kurzen Dasein, geben ihr Stelldichein.
"Frau Bott, also ich muß schon sagen..." "Ach, du auch...,bäh!"
In meinem Übermut und Eifer, ziehe ich mir die Hose runter, strecke den gespreizten Hintern zum Spiegel und spreche durch die Beine mit nach unten gesenktem Kopf. "Willst du auch mal riechen?"
Als ich mich wieder in aufrechter Position dem Spiegel zuwende, sind die Spinnweben plötzlich verschwunden. Das fällt mir zuerst gar nicht auf. Denn ich bin noch nicht ganz am Ende. Hochnäsig grinse ich mich an. "Ja, so bin ich. Ihr könnt mich alle mal..."
Erst als ich lachen muß, fällt mir auf, daß der Blick klar und ungetrübt ist. Kein Netz mehr. Die Spinne ist tot. Doch ich lebe noch. Ich.

Was war das? Mißtrauisch betrachte ich mich mehr als genau. Nein, da ist kein Netz mehr zu sehen. Das bin ich. Und ich sehe gar nicht aus wie die Spinne. Ich gefalle mir sogar.

Immer wieder versucht eine andere Spinne mich ins Netz zu locken. Jeden Tag aufs Neue. Aber ich grinse ihr schon von weitem entgegen.. Und wenn ich sie in die Finger bekomme, reiße ich ihr ein Bein nach dem anderen aus und zerquetsche ihren Körper in meiner Hand. Spinnen sind nicht dumm. Sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie mir zu nahe kommen. Dann laufen sie sogar rückwärts. Und das werden sie solange tun, bis sie außer Sicht und Reichweite sind. Dann werden sie sich ein anderes Opfer suchen.
Denn meine Opferrolle ist hiermit erledigt. Das Freudsche ÜberEs kann mich hinten herumheben. Ich habe nichts gegen ein Gewissen einzuwenden, wenn es auf meinen Mist wächst. All die Überstülper von irgendwelchen Spinnern! Sollen die doch an ihrer Moral ersticken.
Erziehung als Trimmdichpfad auf ein eingetrichtertes Verhalten hin. Ab heute übernehme ich die Zügel, oder das Ruder, und kein Lehrer, Politiker oder Guru kann mich davon abhalten.
Einerseits eine traurige Bilanz, wenn man den Pfusch sieht.
Andererseits Hoffnung, doch noch das Beste draus zu machen. Dazu braucht von den Verursachern keiner zu sterben oder Federn zu lassen.
Ein lautes Lachen und ein anschließendes Abwenden und Hinwenden zu sich, reicht da völlig aus. Was wißt ihr denn schon von mir, von dem, was wirklich gut für mich ist? Wer sagt denn, daß ich nicht reicher bin als ihr oder glücklicher?
Euer Glück, das ihr anderen aufzudrängen versucht. Ein goldener Käfig, voller Langeweile und Öde. Heute seid ihr alle alt. Könnt ihr sagen, daß ihr gelebt habt? Habt ihr euch schon mal ins Arschloch geguckt und laut dabei gelacht?
"Wie obszön." Werdet ihr sagen. Ihr werdet in die Kirche laufen und für mich beten. Und das ohne meine Erlaubnis. Denn ich wünsche das nicht. Ich bin ja nicht unübersehbar, für den zu dem ihr betet. Der sieht mich genauso wie euch und er wirkt genauso für mich wie für euch. Darauf vertraue ich. Im Gegensatz zu euch, die ihr ängstlich um alles bitten müßt. Auf solche Gebete kann ich verzichten. Ein bescheidenes Danke wäre angebrachter, als egoistisches Betteln, aus Angst vor Kontrollverlust.
Nicht mal das habt ihr verstanden. Und dann beschwert ihr euch noch, wenn ihr einen Verlust habt. Ist das Glaube? Oder gar Vertrauen?
Und wer behauptet er habe mich erzogen, der lügt. Das habe ich ganz allein getan. Den ganzen Müll, den ihr mir da mitgegeben habt, könnt ihr behalten. Mein Schatz, den ich rüberretten konnte, hebe ich nun aus den Tiefen. Und das ist mein Werk, nicht eures.
Mein Werkzeug habe ich in der Hand, der Boden ist locker. Und wenn ich auf eine verseuchte Stelle stoße, ziehe ich wieder die Hose runter und zeige euch meinen Allerwertesten in ganzer Pracht. Dann wißt ihr Bescheid.


© Magdalena Bott

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