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Das verlorene Paradies
Er saß auf dem harten Holzstuhl in der Küche. Das Feuer war längst zu einer klein glimmenden Glut herunter gebrannt. Draußen ging ein starker Wind, der die Schneeflocken gegen die schmutzigen Scheiben blies. Es schien, als starre Adam in das nächtliche Schneegestöber hinaus.
Susanne hatte Probleme, das demolierte Schloß zu öffnen. Endlich drehte sich der Schlüssel. Mit dem Geld, das sie heute empfangen hatte, war sie einkaufen gewesen. Eine Flasche Rosè, ein Päckchen Tabak, Brot, Butter und Eier.
Die Wohnung war dunkel. Ein kalter, muffiger Geruch schlug ihr entgegen. Das Flurlicht war kaputt. Sie tastete sich zur Küche vor und öffnete die Tür.
Leise stellte sie die Tasche ab und packte sie langsam aus.
"Ich hab` dir Tabak mitgebracht," sagte sie flüsternd.
Sie stopfte seine Pfeife und hielt sie ihm hin.
"Wo bist du, Adam?" Sie berührte seine Schulter.
Es schien ihr, als husche ein kaum wahrnehmbares Lächeln über sein Gesicht.
"Draußen schneit es ziemlich stark, und der Wind ist auch sehr kalt." Sie hielt ihm noch immer die Pfeife hin.
Schließlich legte sie sie ihm in die Hand. Er umfaßte den Pfeifenkopf, rührte sich aber sonst nicht, den Blick immer noch starr nach draußen gerichtet.
Susanne kümmerte sich um die Glut und schürte das Feuer von neuem. Sie entkorkte die Weinflasche, schnitt zwei Scheiben Brot vom Laib und bestrich diese mit Butter.
"Du wirst mir noch verhungern. Seit Tagen hast du nichts mehr zu dir genommen."
Sie stellte den Teller und das Glas auf den Platz, an dem Adam gewöhnlich zu essen pflegte.
"Nicht mal die Pfeife kann dich noch verlocken. Wo du doch so gerne geschmaucht hast."
Sie nahm ihm die Pfeife aus der Hand.
Plötzlich wandte er ganz langsam den Kopf zu ihr hin und sah sie mit glasigen Augen an.
"Adam. Ich bin es, Susanne," sagte sie leise.
"Susanne." Sie konnte es kaum hören. Es war wie dahingehaucht.
"Komm, iß etwas." Die Freude, die sie in diesem Moment empfand, war dermaßen groß, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
"Hilf mir auf." Sie packte ihn unter seinem Arm und hievte ihn auf die Beine. Schleppend ging der junge Mann die fünf Schritte zum Tisch und ließ sich auf seinem Platz nieder. Inzwischen schienen sich seine Augen mit Leben gefüllt zu haben. Er schaute fast fassungslos auf den Brotteller.
"Wein hast du mir auch mitgebracht." Zeitlupenhaft nahm er das Glas und führte es ebenso langsam zu seinem Mund.
"Und ich lebe noch?"
"Du lebst noch." Sie senkte den Blick, um ihre Tränen zu verbergen.
Eine geschlagene Woche lang hatte Adam auf diesem harten Holzstuhl in der Küche gesessen. Susanne hatte ihm ab und zu Wasser eingeflößt, aber er hatte es nicht wahrgenommen und nur aus dem Fenster gestarrt. Jeden Abend hatte sie ihm ein kleines Abendbrot bereitet. Er hatte es nie angerührt.
"Dieser Wein ist gut."
Er hatte daran genippt und nahm nun das Brot in die Hand. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, von dem Moment an, wo er es zum Mund führte, diesen langsam öffnete, ein Stückchen abbiß und dieses kaute.
"Das Brot ist gut." Er lächelte. Zumindest versuchte er es.
Susanne sah ihm schweigend zu, ihm, den sie so liebte und um den sie solche Angst gehabt hatte.
Adam brauchte dreißig Minuten, um die Hälfte der Brotscheibe zu essen. Am Wein nippte er immer nur kurz.
"Ich bin müde."
"Komm." Susanne packte ihn, wie vorhin, unter seinem Arm und schleifte ihn mehr oder weniger in sein Schlafzimmer. Sie zog ihm die Schuhe aus und half ihm ins Bett. Er schloß die Augen. Zum ersten Mal seit langem.
Sie löschte das Licht und ging ins Wohnzimmer. Dort schlief sie beruhigt und froh auf der Couch ein.
Ein Geräusch weckte sie plötzlich. Es hatte sich angehört, wie ein dumpfer Schlag auf den Boden. Susanne rannte ins Schlafzimmer. Vielleicht war Adam gestürzt. Da er dort nicht zu finden war, lief sie direkt in die Küche.
"Adam!" Sie blieb entsetzt in der Tür stehen. Er lag in einer großen Blutlache. Seine Hände umklammerten noch das Brotmesser, das er sich in den Bauch gerammt hatte.
"...und selig sind die da trauern, denn sie werden getröstet werden." Der Sarg wurde in die Erde gelassen. Susanne mußte von beiden Seiten gestützt werden, als sie Adam die letzten Blumen schenkte.
Auch er hatte ihr ein Geschenk hinterlassen.
Ein halbes Jahr später brachte sie ein prächtiges Mädchen zur Welt, das sie Eva taufen ließ.
© Magdalena Bott

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