Von der Würde des Menschen
Die Grundrechte nach 1GG Art. 1:
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Art. 3:
1.)Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
2.)Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
3.)Niemand darf wegen seines Geschlechtes,
seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache,
seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens,
seiner religiösen und politischen Anschauungen,
benachteiligt oder bevorzugt werden.
Was ist Menschenwürde?
Das mittelhochdeutsche "wirde" und das althochdeutsche "wirdi" wird im Wahrig: "Deutsches Wörterbuch" mit "Ehre, Ansehen" übersetzt. Weiter heißt es dort: Unter Würde versteht man die "Achtung gebietendes Verhalten", das "Wesen eines Menschen auf Grund seiner starken Persönlichkeit, seiner geistig seelischen Kraft." Und ferner bedeutet dort Menschenwürde: "die Würde des Menschen, als vernünftiges, denkendes, seiner selbst bewußtes Wesen."
Damit ist nicht gerade viel erklärt, genauer gesagt, sind die Erklärungen einseitiger Natur, d. h. sie entsprechen der gängigen, weitverbreiteten Definition von Menschenwürde, wobei oft der Mensch weggelassen und nur von der Würde gesprochen wird. Die Würde wird hierbei noch häufig durch das Wort Stolz ersetzt, unter dem ich etwas ganz anderes verstehe. Zum Thema Stolz komme ich im Laufe meiner Erörterung noch zu sprechen.
Zunächst möchte ich die allgemeine Auffassung von Würde näher beleuchten. Die wird oft verstanden als Titel oder Charakterzug, den man nur bestimmten Menschen zuschreibt, nämlich jenen, die, wie oben zitiert, auf Grund ihrer geistig seelischen Kraft, eine starke Persönlichkeit darstellen. Aber was ist mit denen, die wir als schwach, bzw. als labil, empfinden, denen aufgrund ihrer Lebensumstände oder körperlich seelischen Leiden, die notwendige Bildung oder das Sichdurchsetzenkönnen, das sichere Auftreten oder der Mut abgehen, die doch so nötig sind, um in einer Gesellschaft, wie der unsrigen, "menschenwürdig" leben zu können? Was ist mit jenen, die am Rande stehen, den sog. Asozialen, Kriminellen, Homosexuellen, Ausländern, den anders denkenden, die "mit Vorsicht zu genießen sind", und viele andere mehr, deren Aufzählung ich mir ersparen will. Diese wären dann, nach dem gängigen Verständnis von Würde, würdelos, d. h. Menschen ohne Würde und deshalb nicht wert, gewürdigt, geachtet zu werden.
WÜRDE, bloß verstanden, als ein Verhalten, das Achtung gebietet, lt. Wahrig, schließt das selbstverständliche Vorhandensein von Würde aus, d. h., die Würde ist ein Gut, das man erwerben muß, etwas, das man haben kann, wenn die dafür erforderlichen Fähigkeiten, das Geld oder gesellschaftliches Ansehen vorhanden sind. Diejenigen, die die dafür benötigten Mittel oder Talente nicht aufweisen können, entbehren der Würde. Solche "unwürdigen Menschen" verdienen daher nicht die nötige Ehrerbietung und werden deshalb an den Rand gedrängt. Ist das menschenwürdig? Wird nicht so der Mensch im vollen Sinne des Wortes , zu einem Ding degradiert? Und nicht nur der Mensch, auch Pflanze und Tier, die dasselbe Recht auf Leben haben! Behandeln wir sie lebenswürdig, liebenswürdig? Wir, die wir uns als das höchstentwickelte Lebewesen auf dem Planeten Erde bezeichnen, gehen wir würdevoll mit dem Leben um? Wissen wir überhaupt, was Leben heißt, was Menschsein heißt? Haben wir uns schon mit den Begriffen "Mensch" und "menschlich" auseinandergesetzt?
Ich denke, wenn wir begriffen haben, was Leben heißt, wenn wir erkannt haben, daß Leben ein Geschenk ist, auch wenn es manchmal die Hölle zu sein scheint und wir es vielleicht sogar noch als Fluch betrachten hier zu leben, leben zu müssen. Wenn uns die Fülle des Lebendigseins voll bewußt wird, gerade auch, oder trotz der Leiden, dann können wir erst anfangen das Leben wertzuschätzen, es lieben, achten und würdigen zu lernen. Kurz, wenn wir uns zum Leben, dem Lebendigsein bekennen, bekennen wir uns zu uns als Menschen, zur Menschenwürde und zur Humanität. In dem Sinne, ist die Menschenwürde weder ein Titel, noch eine besondere zugesprochene Ehre, sondern eine natürliche selbstverständliche Achtbarkeit, die allem Lebendigen innewohnt und die es unbedingt wert ist, gewürdigt zu werden.
Es ist traurig, daß ich mich überhaupt gezwungen sehe, über eine solche Selbstverständlichkeit schreiben zu müssen. Eine Selbstverständlichkeit, die allen klar sein sollte und die dennoch ununterbrochen mißachtet wird: Die Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben. Und als bestes Beispiel können wir uns immer selbst vor Augen führen.
Mit welch einem Leichtsinn, einer Unvorsichtigkeit und einer haarsträubenden Mißachtung gegen uns selbst "schlagen" wir uns durchs Leben. Sind wir uns so egal, daß wir uns durchs Leben "schlagen" müssen? Haben wir nicht schon genügend Hiebe von außen eingesteckt? Schlagen ist ein Gewaltakt und wird oft "blind" ausgeführt. Wozu haben wir denn Augen? Es liegt an uns, diese offen zu halten und achtsam weiter zu gehen.
Sich in die Natur, das Leben einfügen, heißt es zu würdigen, anzunehmen, und dann brauchen wir noch nicht einmal mehr zu gehen, dann werden wir durchs Leben getragen. Denn alles ist fließend. Was den Lebensstrom zum Stocken bringt, sind alle Handlungen wider die Natur, gegen das Leben. Die dauernde Verletzung und Mißachtung der Menschenwürde ist ein Armutszeugnis für die Menschheit.
Wenn wir genau hinsehen, werden wir überall dort, wo Menschen zusammentreffen, mit immer größer werdendem Entsetzen, erleben können, in welch großem Ausmaß achtlos miteinander umgesprungen wird. Unter uns herrscht eine Respektlosigkeit und Fahrlässigkeit anderen gegenüber, die nicht viel vom Mensch als Lebewesen, als soziales Wesen erkennen lassen. Leider all zu wahr ist daher das Sprichwort: "Der Mensch ist des Menschen Wolf."
Erst wenn wir die nötige Achtung uns selbst gegenüber aufbringen, werden wir von anderen in eben solchem Maße geachtet. Denn wie wir mit uns umgehen, so behandeln wir unser Gegenüber und dieses wiederum uns. Das eigentlich selbstverständliche Vorhandensein der Würde muß erst mit viel Mühe und Geduld wieder erarbeitet werden, in dem Sinne, daß es gewürdigt wird und nicht durch Äußerlichkeiten erworben werden muß. Denn wie gesagt, geht es nicht um den Verdienst von Titeln und Ehren, sondern um menschenwürdige Ehrerbietung, die allem Leben gegenüber erbracht werden sollte.
Was nun den Stolz betrifft, so wird dieser Terminus oft anstelle von Würde gebraucht, oder mit diesem gemeinsam. Hier verhält es sich, wie bei dem im allgemeinen aufgefaßten Begriff der Würde. Ich meine den äußeren Stolz und den natürlichen Stolz. Letzterer ist das Produkt der natürlichen Menschenwürde. Meist wird Stolz mit Hochmut und Arroganz gleichgesetzt, wobei es sich hierbei um gemachten Stolz handelt oder um falschen Stolz, den man sich zugelegt hat, oder der einem zugelegt wird und der mit Menschenwürde wenig zu tun hat, im Sinne eines erworbenen Titels aber der aufgesetzten Würde eher nahekommt.
Abschließend will ich noch einmal zusammenfassen:
Der Begriff der Würde, insbesondere der fast in Vergessenheit geratene Begriff der Menschenwürde ist nicht zu verwechseln mit einem Verhalten, das durch Äußerlichkeiten erworben wird und der naturgemäßen Selbstverständlichkeit, die dem Lebendigen innewohnt und die sich nur durch Würdigung desselben dann auch im Verhalten äußert, welches dann ein würdevolles ist.
Dasselbe gilt für den Stolz, der auch hier in einen von Außen aufgesetzten sog. falschen Stolz oder Hochmut und einen natürlichen Stolz , den menschenwürdigen Stolz unterschieden werden muß. Wobei ich den menschenwürdigen Stolz als das Ergebnis und die Äußerung einer Würdigung des Lebens und der Menschen ansehe. Ein Stolz also, den jene ausstrahlen, den sie wohl bemerkt nicht besitzen oder haben, sondern ausstrahlen, die sich als Menschen würdigen und achten, die begriffen haben, das die Würde des Menschen unantastbar ist. Und das nicht nur vor unserem Grundgesetz, sondern vor dem Gesetz des Lebens.
© Magdalena Bott

 
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